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Wir wollten einfach unser Ding machen - DDR-Sportler zwischen Fremdbestimmung und Selbstverwirklichung

of: Kai Reinhart

Campus Verlag, 2010

ISBN: 9783593408590 , 424 Pages

Format: PDF, Read online

Copy protection: DRM

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Price: 37,99 EUR



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Wir wollten einfach unser Ding machen - DDR-Sportler zwischen Fremdbestimmung und Selbstverwirklichung


 

8. Skateboarden in der DDR (S. 191-192)

Skateboarden ist spätestens seit den neunziger Jahren ein weltweit ausgeübter Sport, der zum Straßenbild jeder größeren westlichen Stadt gehört. Anders als traditionelle Sportarten kommt er dabei weitgehend ohne feste organisatorische Strukturen aus, weshalb genaue Zahlen schwer zu ermitteln sind. Laut Seewaldt (1990, S. 21) soll es 1988 weltweit zwei bis drei Millionen Skater gegeben haben. Diese Zahl scheint sehr niedrig angesetzt zu sein, denn nach Berichten des amerikanischen Magazins Transworld Skateboarding waren es 1990 allein in den USA über neun Millionen (vgl. Borden, 2006, S. 184) und 2003 weltweit über 22 Millionen Skateboarder (vgl. Rabinowitz, 2004). In der Bundesrepublik gab es Anfang der neunziger Jahre etwa 200.000 Skater (vgl. Doren & Pramann, 1991, S. 25f.), und im Jahre 2005 galten die Skateboarder mit etwa einer Million Fahrern als größte sportzentrierte Jugendszene in Deutschland (vgl. Bemerburg, 2005). Darüber hinaus ist Skateboarden ein Teil der Jugendkultur, der seit den fünfziger Jahren immer wieder neue Impulse setzte und Mode, Musik, Fotografie sowie Film maßgeblich beeinflusste.

Nachdem es aus den USA nach Europa gekommen war, ließ sich das Skateboarden auch vom Eisernen Vorhang nicht aufhalten und sickerte mit zeitlicher Verzögerung ab Ende der siebziger Jahre in das sozialistische Lager ein. Das Skateboarden kann nur im internationalen Kontext verstanden werden, der noch weitaus stärker als das Bergsteigen von den USA bestimmt wurde. »Telling the story of skateboarding is like telling the story of American History«, schrieb Rhyn Noll (2000, S. 10), einer der wenigen Hobbyforscher des Skateboardens.

Bis zur Wende waren die ostdeutschen Skateboarder eine äußerst überschaubare Gruppe, und eine DDR-weite Szene war erst in Ansätzen vorhanden, sodass noch 1992 manche Skateboarder aus Westdeutschland im Osten das Gefühl hatten, »absolutes Neu-Land« zu betreten und »Skateboard- Entwicklungshilfe« zu leisten (vgl. Ludewig, 1992, S. 41). Selbst den meisten DDR-Bürgern blieb anscheinend verborgen, dass in ihrem Land geskatet wurde, wie sich in zahlreichen Gesprächen herausstellte, und eine längere Recherche war nötig, bis erste Zeitzeugen des DDR-Skatens gefunden werden konnten. Wie im Laufe der Studie deutlich wurde, gab es in Ostdeutschland ca. 200–300 Skater, hauptsächlich in Ostberlin, Dresden sowie Leipzig. Die folgende Darstellung ist daher eine »Graswurzelgeschichte « einzelner lokaler Szenen.

8.1 Historischer Hintergrund

Die Ursprünge des Skateboardens liegen in der spielerischen Fantasie von Kindern, insbesondere in den wohlhabenden USA. »Two hundred years of American technology has unwittingly created a massive cement playground of unlimited potential. But it was the minds of 11 year olds that could see that potential« (Stecyk III., 2000 [1975], S. 2). Neben dem »cement playground« war die Verbreitung funktionstüchtiger Rollschuhe in Amerika eine weitere wichtige Voraussetzung für die spielerische Entwicklung erster Skateboards (vgl. Wilhite, 1994; Turner & Zaidman, 1997). Das Skateboarden lässt sich, wie viele Sportarten, nicht auf eine einzelne Erfindung oder ein einzelnes Ereignis zurückführen, sondern wurde von Kindern in verschiedenen Varianten immer wieder neu erfunden. Ein amerikanischer Zeitzeuge erinnerte sich: »I was nine years old in 1961, and I was there the day they invented the skateboard, at least in my neighborhood« (Schmidt, 2003, S. 18).

8.1.1 Skateboarden in den USA

Schmidt relativiert seine Äußerung zu Recht, denn bereits im Jahre 1927 wurde in den USA ein Rollbrett für Kinder namens Kne-Koster [sic] auf den Markt gebracht (vgl. Thrasher, 1992), und 1936 wurde das erste Patent auf ein Skateboard angemeldet (vgl. Noll, 2000, S. 14f.). Solches Spielzeug war aber für viele Familien unerschwinglich, sodass viele Kinder auf eigene Konstruktionen aus alten Rollschuhen oder Rollern angewiesen blieben (vgl. Rose, 1999, S. 8; Noll, 2000, S. 18f.; www.skullskates.com/museum/ homemade.html).